Artikel vom 15.10.2010 © Eßlinger Zeitung
„Durchregieren funktioniert nicht mehr"
Esslingen: <//font><//font>grünen-Fraktions-Chef Winfried Kretschmann spricht über Stuttgart 21
Von Gesa von Leesen
Er sei zuversichtlich, dass die Schlichtungsgespräche
zwischen Befürwortern
und Gegnern von Stuttgart 21
bald zustande kommen, sagte Winfried
Kretschmann am Mittwochabend im
Alten Rathaus. Sie seien notwendig,
damit aus Gegnerschaft keine Feindschaft
entstehe. Hätte sich die schwarzgelbe
Landesregierung früher um die
Bürger bemüht und ehrliche Zahlen
auf den Tisch gelegt, so der Fraktions-
Chef der Grünen im Landtag, wäre
der Konflikt nicht so eskaliert.
Die rund 140 Zuhörer sahen es größtenteils
genauso. Zahlreiche Antistuttgart-
21-Buttons schmückten die
Jackenaufschläge. Die meisten, die
zu dieser Veranstaltung der Esslinger
grünen ins Alte Rathaus gekommen
waren, gehören der Partei an oder
sympathisieren mit ihr. so ging es
weniger um Kontroverses, vielmehr
diente Kretschmanns einstündige Zusammenfassung
zum Thema Stuttgart
21 eher der selbstvergewisserung
oder der Anreicherung der eigenen
Einstellung mit weiteren Argumenten.
Der Vorsitzende der landtagsfraktion
ist von Hause aus ein Haushaltspolitiker,
und so ließ er noch einmal
die Kostensteigerungen von stuttgart
21 vorüberziehen – von offiziell genannten
2,5 Milliarden Euro vor 15
Jahren bis derzeit 4,1 Milliarden.
Dafür, dass stuttgart 21 laut Bahnchef
Rüdiger grube und Ministerpräsident
stefan Mappus (CDU) das
„bestgerechnete Projekt" Europas
sein soll, seien die offiziellen Zahlen
doch allzu oft nach oben gegangen,
befindet Kretschmann. Da sei es kein
Wunder, dass die kritische Öffentlichkeit
den Verlautbarungen der s-21-
Befürworter keinen glauben mehr
schenke – zumal diese sich bislang
noch nie ernsthaft mit gegenrechnungen
der Kritiker beschäftigt
hätten. stets würden deren gutachten
als „Horrorzahlen" abgetan.
„Widerlegt haben sie sie nicht",
moniert Winfried Kretschmann. Angesichts
der verfassungsmäßig vorgeschriebenen
schuldenbremse,
wonach Baden-Württemberg ab
2020 keine neuen schulden mehr
machen dürfe, sei das großprojekt
stuttgart 21 schlicht zu teuer für das
wenige, was es verkehrspolitisch
bringe. Dass der Konflikt um
stuttgart 21 in jüngster Zeit derart
eskaliert ist, was auch für die grünen
überraschend sei, liege vor allem
daran, dass die landesregierung die
Kritiker nie ernst genommen habe.
Anstatt sich sachlich mit ihnen auseinanderzusetzen,
habe man Unterschriften
von „den großkopferten"
für s21 gesammelt. „Wenn ich mit
denen heute rede, merke ich, dass
die meisten sich inhaltlich gar nicht
mit dem Projekt auseinandergesetzt
haben", so Winfried Kretschmann.
Plädoyer für mehr direkteDemokratie
Es sie zwar ein starkes Argument der
Befürworter, dass s 21 in allen Parlamenten
Zustimmung gefunden habe.
„Aber es gibt eben Einzelfälle, in
denen man fragen muss: War hier
genügend sorgfalt im spiel? ist tatsächlich
kritisch begleitet worden?",
gibt Kretschmann zu bedenken.
Eigentlich habe das Parlament ja die
Aufgabe, die Regierung zu kontrollieren.
Das passiere jedoch zu wenig:
„Die ersteKonsequenz aus stuttgart
21 ist es, die Parlamente wieder zu
stärken." Die zweite Konsequenz
laute: „Wir brauchen mehr direkte
Demokratie, auch auf Bundesebene.
Das stärkt die repräsentative Demokratie."
seine dritte Konsequenz
kleidet Kretschmann noch in eine
Frage: „Wie beteiligen wir die Zivilgesellschaft
im Konfliktfall, damit
nicht nur die klassischen mächtigen
lobbys wie Wirtschaftsverbände
ihre interessen einbringen können?"
Eine Antwort wisse er noch nicht,
darüber denke man nach. Klar sei
aber: „Durchregieren von oben nach
unten funktioniert nicht mehr."







