DIE GRÜNEN IN ESSLINGEN

Artikel vom 13.03.2010 © Eßlinger Zeitung

Von Hermann Dorn

Der Widerstand wächst

ESSLINGEN: Veranstaltung der Grünen zu Stuttgart 21 findet großes Interesse - Scharfe Kritik an dem Vorhaben

Heftige Proteste begleiten den Startschuss für Stuttgart 21. Die Gegner lassen bis heute nicht locker. Auch in Esslingen versuchen sie, das Vorhaben noch zu kippen. Montag für Montag protestieren 3000 Menschen in der Landeshauptstadt gegen Stuttgart 21.

 

Obwohl der Startschuss für das Vorhaben gefallen ist, geben die Gegner nicht auf. Auch in Esslingen wächst der Widerstand, wie am Donnerstag eine Veranstaltung der Grünen gezeigt hat. 200 Menschen erlebten im Alten Rathaus, wie die Kritiker kein gutes Haar an dem Projekt ließen.   Während Stuttgart 21 die Bevölkerung und Politik in der Landeshauptstadt spaltet, hat das Vorhaben in Esslingen bislang keine große Rolle gespielt. Auch von den Grünen war dazu bislang nicht viel zu hören. Das könnte sich ändern. Der Versuch, ein Jahr vor den Landtagswahlen den Widerstand zu entfachen, erlebte am Donnerstag einen vielversprechenden Auftakt. Wolfgang Drexler, der als Mister Stuttgart 21 für die umstrittenen Investitionen wirbt und im Wahlkreis Esslingen gleichzeitig seinen Wiedereinzug in den Landtag anstrebt, muss sich auch vor Ort auf eine heiße Auseinandersetzung einstellen. Die Ausgangsposition war am Donnerstagabend klar. Wie erwartet, wiederholten Michael Holzhey, Matthias Lieb und Andrea Lindlohr auf dem Podium die bekannten Argumente, die ihrer Ansicht nach für einen Ausstieg sprechen. Als Hauptkritiker trat Holzhey auf, der in Berlin als Verkehrsexperte einer Beratungsfirma arbeitet. Er stuft Stuttgart 21 als krasse Fehlinvestition ein. In verkehrspolitischer Hinsicht handelt es sich für ihn um einen völligen Irrweg. Dass die Kosten schöngerechnet worden sind, steht für ihn außer Zweifel. Holzhey ist überzeugt, dass die öffentliche Hand auf ein finanzielles Desaster zusteuert. Ganz ähnlich sieht es Lieb. Der Landesvorsitzende des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) wirft den Befürwortern vor, für eine Fahrzeit von 28 Minuten zwischen Stuttgart und Ulm unvertretbar hohe Investitionen zu tätigen. Nach seiner Einschätzung helfen die kürzeren Fahrzeiten den Bahnkunden nur bedingt weiter. „Im Fernverkehr wird es beim Umsteigen am nächsten Bahnhof nur zu längeren Wartezeiten kommen." Lieb empfiehlt die Schweiz als Vorbild. Dort schaue man sich erst den Fahrplan an und denke dann über Investitionen nach. „In Deutschland ist es umgekehrt."

 

Esslinger Befürchtungen

 

Andrea Lindlohr vom Landesvorstand der Grünen sieht dem Bahnprojekt mit Sorge entgegen. „Ich fürchte, dass der Fahrplan für die Esslinger schlechter wird." Wenn die Züge zwischen Stuttgart und Tübingen verstärkt über den Flughafen fahren, drohten Esslingen negative Folgen. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Bahn und das Land zusätzliche Züge einsetzen, um einen Ausgleich zu schaffen." Aus ihrer Sicht haben die Esslinger fast „noch mehr Anlass als die Stuttgarter, sich zu wehren". In der mehr als zweistündigen Veranstaltung wirft vor allem Holzhey den Befürwortern immer wieder vor, den Dialog zu verweigern. „Sie immunisieren sich gegen Kritik." Für sich und seine Mitstreiter nimmt er in Anspruch, für den Versuch zu stehen, die Diskussion auf eine rationale Ebene zu heben. Ansichten, die seiner Wahrnehmung widersprechen, kanzelt er als Schwachsinn ab. Diese Formulierung verwendet er, als er von Moderatorin Susanne Lüdtke auf ein Interview mit dem Sozialwissenschaftler Ortwin Renn angesprochen wird. Dessen These, beim Widerstand gegen Stuttgart 21 schwinge auch die Angst vor dem Verlust der Heimat mit, wischt er empört vom Tisch. Obwohl es sich um eine Diskussionsveranstaltung handeln soll, haben die Organisatoren darauf verzichtet, einen eigenen Beitrag zum Dialog zu leisten und einen erklärten Befürworter von Stuttgart 21 auf das Podium zu bitten. Die Frage einer Besucherin - „Wo ist denn Herr Drexler?" - bleibt unbeantwortet. Weil die Gegner bei dieser Ausgangslage unter sich bleiben, konzentriert sich die Diskussion mit zunehmender Dauer auf die Frage, wie Stuttgart 21 noch zu kippen ist. Einigkeit herrscht, dass der Protest fortgesetzt und intensiviert werden muss. Holzhey weckt dabei Hoffnungen, die Bahn könnte bei andauernden Negativschlagzeilen doch noch aussteigen.

 

 

 

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